Reni Dammrich
Bei Recherchen zu meinen Büchern stoße ich immer wieder auf das Thema der weiblichen Beschneidung. Und obwohl diese Praktiken inzwischen in einigen Ländern verboten sind, werden sie auch dort noch im Geheimen durchgeführt.
Als Mutter einer Tochter kann ich es noch viel weniger fassen, was man Mädchen mit diesem Unsinn der Beschneidung antut. Wer gibt jemandem das Recht, anderen einen großen Teil der natürlichen Gefühle
vorzuenthalten? Auch das Argument, dass es verschiedene Formen der weiblichen Beschneidung gibt, hilft denen nicht weiter, die daran zugrunde gegangen sind, sei es bei dem Eingriff selbst oder der
Geburt des ersten Kindes.
Wenn sich in der westlichen Welt eine Frau die Brüste vergrößern lässt, dann ist sie volljährig und kann darüber selber entscheiden. Bei der Beschneidung wird Kindern etwas aufgezwungen, das sie ein Leben lang mit sich herumtragen müssen. Ein Implantat kann man notfalls wieder entfernen, eine Genitalverstümmelung nicht.
Normalerweise schreibe ich humorvolle Abenteuer- und Fantasyromane. Weil aber oft gerade die eigentlich „leichte Urlaubs-Lektüre", die Menschen unterschwellig zum Nachdenken anregt und selbst ein
kleiner Hinweis manchmal große Dinge in Bewegung setzen kann, werde ich die Praktiken der Genitalverstümmelung immer wieder ansprechen, auch in meinen Büchern und Geschichten.
Blumen brauchen Liebe
von Reni Dammrich
Ich hole in Vorfreude die kleine Samentüte aus dem Regal, welche mir meine Tochter zu Weihnachten geschenkt hat.
In einem winzigen Ort in Eritrea zieht Miriam ihrer Tochter Maja das schönste Kleid an.
Kurz darauf habe ich Plastikbeutel, Küchenrolle und Markierkärtchen auf dem Tisch liegen.
Auf einem Tisch in Eritrea liegt eine Rasierklinge. Miriam zieht die zitternde Maja an der Hand aus dem Haus.
Eine Viertelstunde später lege ich mit glänzenden Augen die ersten Samenkörner auf die feuchten Tücher, um sie vorsichtig darin einzuschlagen.
In einem Haus am Ende des afrikanischen Dorfes halten zwei Frauen die weinende Maja fest.
Ich beschrifte die Samenpäckchen, lasse sie behutsam in den wieder verschließbaren Klarsichtbeutel gleiten und lasse einen Jubelschrei erschallen.
In Eritrea schreit Maja unter bestialischen Qualen, denn die Rasierklinge schneidet ihr bei vollem Bewusstsein in die Genitalien.
Meine Sämlinge bekommen einen Platz über dem Wärmestrom der Heizung auf dem Fensterbrett.
Miriam versucht ihre bewusstlose Tochter zu wecken.
Ich schaue täglich mehrmals nach meinen Samenkörnern, damit es ihnen an nichts fehlt.
Miriam schaut genau so oft nach Maja, die sich in Fieberkrämpfen auf dem Boden windet.
Zwei Wochen später öffne ich den Anzuchtbeutel und setzte die winzigen Pflänzchen in Blumentöpfe. Ich drücke, mit vor Freude klopfendem Herzen, die Erde fest und maile meiner wundervollen Tochter die neuesten Bilder davon.
In Eritrea schaufelt Miriam Erde auf Majas Grab.
„Ein trauriger Tag" - Ölgemälde von Gonda Zoltán
„Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Bildung und körperliche Unversehrtheit. Mit meinem Gemälde „Ein trauriger Tag" möchte ich ausdrücken, dass ein Kind wie eine zerbrechliche und schöne Blume ist, die bewahrt und beschützt werden muss." - Zóltan Gonda, Ungarn
With (he)art against FGM


